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26. November 2015 Thema:

Schmerz

Wundwissen Lexikon: Schmerzen bei chronischen Wunden

Schmerz wurde von IASP (The International Association for the Study of Pain) folgendermaßen definiert: „Schmerz ist eine unangenhmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potenzieller Gewebebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen beschrieben wird.“ 

Schmerz ist eine komplexe subjektive Sinneswahrnehmung, die sowohl physisch als auch psychisch empfunden wird. Ein akuter Schmerz stellt eine biologische Warnfunktion zum Schutz des Körpers dar. Er macht uns aufmerksam auf Verletzungen und Krankheiten. Ein chronischer Schmerz hingegen kann jegliche Funktion (Warnsignale) verlieren und eine enorme emotionale, psychische, ökonomische und soziale Belastung für die Betroffenen darstellen.

Schmerzarten und Ursachen:

Es werden drei Arten von Schmerzen unterschieden:

  • Nozizeptiven Schmerzen: weitere Unterteilung in somatischer Schmerz (Oberflächenschmerz in der Haut oder Tiefenschmerz in Muskeln, Knochen, Gelenke und Bindegewebe. Diese sind gut lokalisierbar) und viszerale Schmerzen (Eingeweideschmerz, z.B. bei rascher und starker Dehnung oder bei Krämpfen von Hohlorganen. Diese sind schlecht lokalisierbar und treten sogar in anderen Körperregionen auf, als im erkrankten Organ)
  • Neuropathische Schmerzen: Das Nervensystem ist die Ursache des Schmerzes. Entstehung bei Schädigung von Nervenzellen oder -fasern, bsp. bei Tumore, Unfälle, operative Eingriffe, Infektionskrankheiten
  • Psychosomatische Schmerzen: Schmerz, der durch negative Erfahrungen erzeugt wird (Schmerzgedächtnis). Es besteht keine physische Ursache des Schmerzes.

Unterteilung der Schmerzen bei chronischen Wunden:

  • akuter Wundschmerz: entspricht dem nozizeptiven Schmerz (s. oben), Intensität hängt vom jeweiligen Reiz ab.
  • akut rezidivierender Wundschmerz: wiederkehrender nozizeptiver Schmerz bei bestimmten Tätigkeiten, z.B. Verbandwechsel, Wundspülung, Wundreinigung wie Débridement
  • chronischer Wundschmerz: Mischform aus nozizeptivem, neuropathischem und psychosomatischem Wundschmerz. Es bestehen permanente Empfindungsstörungen, die unabhängig vom eigentlichem auslösendem Vorfall ist. Der Schmerz hält kontinuierlich an, auch bei Ruhephasen.

Vorgehensweise bei Schmerzen

Zur angepassten und erfolgsversprechenden Schmerzbehandlung ist es von Notwendigkeit über Schmerzart-ursache (Druck, Durchblutungsstörungen, Infektion, Ödem, Verbandsstoffe, Verbandfixierung und -technik), LokalisationQualität (brennend, ziehend, stechend, pochend, drückend) und bisherige Schmerztherapie informiert zu sein. Als Erfassungsinstrument über die Intensität dienen Schmerzskalen, die Bekanntesten sind:

Visuelle Analog Skala (VAS)

Visuelle Analog Skala (VAS)

Numerische Rating Skala (NRS)

Numerische Rating Skala (NRS)

Neben der Einsetzung einer Schmerzskala umfasst eine Schmerzanamnese den Gesamteindruck des Betroffenen (Mimik, Gestik, Körperhaltung, allgemeine Körpersprache). Den Verlauf der Schmerztherapie muss dokumentiert werden, darunter zählen auch die Erfolge und Misserfolge der Schmerztherapie. Ebenfalls sollen auch die Nebenwirkung von den eingesetzten Schmerzmitteln erfasst werden (Übelkeit, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Obstipation), sowie die Folgen der Schmerzen (Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Angst, Übelkeit, Antriebslosigkeit).

Stufenschema der Schmerztherapie (Version 2) von Nils Wommelsdorf

Bei nicht ausreichender Schmerzlinderung wird von links nach rechts die nächste Stufe angewandt.
Von oben nach unten gelesen wird ersichtlich, welche Maßnahmen weitergeführt werden sollten.

Schmerzvermeidung beim Verbandswechsel

Der Verbandswechsel stellt sich als Stresssituation für den Betroffenen dar, welcher sehr oft mit Schmerzen verbunden ist. Schmerzen sind nicht nur mit physischen Einschränkungen verbunden, sondern sind auch eine erhebliche psychische Belastung und somit eine Einschränkung der Lebensqualität! Durch einfache Taktiken und Techniken können die Angst vor dem Verbandswechsel lindern oder bestmöglichst auch nehmen:

  • Betroffenen aufklären und in die Behandlung mit einbeziehen, bei Bedarf auch rechtzeitig vor dem Verbandswechsel Schmerzmittel verabreichen und Wirkungseintritt abwarten!
  • langsames Abziehen der Wundauflage von der Wunde, ggf. Verband vorher anfeuchten!
  • Spüllösungen vorher anwärmen
  • Wunde nicht austrocknen (ggf. Umstellung der Wundauflage), nicht zu lange offen lassen
  • Sekundärverbände nicht zu fest anbringen, Kompressionsverband faltenfrei anlegen
  • Wenn möglich, keine Wundauflage mit Kleberand -> Schmerzen durch überreizte Nerven in der Umgebungshaut, evtl. speziell beschichtete Wundverbände benützen, z.B. mit Silikon
  • Pflaster / Klebevliese spannungs- und faltenfrei anbringen
  • Unnötige Berührung der Wunde und gereizten Umgebungshaut vermeiden
  • Folienverbände, Hydrokolloidverbände durch paralleles Überdehnen zur Haut ablösen
  • bei gereizter oder mazerierter Wundumgebung Hautschutz benützen
  • Stadien- und Wundtypgerechter Verband
  • Ggf. Anwendung eines analgetikahaltigen Polyurethanschaums mit Ibuprofen möglich
  • ruhige und stressfreie Umgebung schaffen (bsp. ausschalten des Fernsehers / Radio), bequeme Lagerung, bei Bedarf auch Pausen einlegen und Ablenkung durch Gesprächsführung mit dem Betroffenen
  • Schmerzen immer ernst nehmen! Betroffenen mit Verständnis, Zuspruch und Einfühlungsvermögen entgegen gehen

Quellen:

Kerstin Protz, Moderne Wundversorgung, 7. Auflage
Grafik WHO - Stufenschema von Nils Wommelsdorf: https://nilswommelsdorf.de/grafik-stufenschema-der-schmerztherapie/?fbclid=IwAR3hydm54-eFvOBiuKhT11J-w1-IPVlgFVcwac7YGOA5RSMdaX1naFPPAII 
Foto VAS - Skala: http://docmed.tv.vitanet.de/typo3temp/pics/bild_visuelle_analog_skala_geriatrie_boc_081bc2dd4c.gif


Links:
http://www.dnqp.de/44805.html

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Autor dieses Beitrags: Lisa Spreitzer

Lisa Spreitzer - Autorin auf Wundwissen.info. Altenpflegerin, Praxisanleiterin, Wundexpertin nach ICW und Pain Nurse. Tätig im Wundaußendienst bei der Firma Ellipsa medical services GmbH.

Website des Autors: https://www.wundwissen.info

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